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Die Rede der Alm-Sisters

120 Jahre Ragaller

Wir feiern heute 120 Jahre Handel & Handwerk, 120 Jahre Herzblut, 120 Jahre Familiengeschichte. Viele dachten, dass Almliebe, die wir 2012 gegründet haben, ein Start-Up ist. Ein verrückter Versuch, in die alteingesessene verstaubte Trachtenbranche einzudringen und sie zu revolutionieren. Und das als Niederbayern, die von Tracht eh nichts verstehen, wie man hier in Oberbayern immer munkelt. Dass wir heute nach fast 15 Jahren immer noch hier stehen vor unserem schönen Laden mitten in der Münchner Altstadt, verdanken wir - wie die wenigsten wissen – unserer Familie, unseren Genen und der langen Handelsvergangenheit, die uns geprägt hat. Die Mentalität, nützliche und vor allem auch schöne Waren herzustellen und zu verkaufen, wurde uns quasi in die Wiege gelegt.

Unser Ur-Opa Nikolaus Ragaller stieg Ende des 19. Jahrhunderts in die Sattlerei seines Onkels in Pocking ein, stellte Pferdegeschirr her und reparierte es und ging auf die sogenannte „Stör“ zu den umliegenden Bauern. Zusammen mit seiner Frau Maria eröffnete er 1906 einen kleinen Milchladen, der sich schnell zum lohnenden Kolonialwarengeschäft entwickelte, in dem die Familie Ragaller Lebensmittel, Fisch, Wolle, Süßwaren, Petroleum und die ersten Textilwaren verkaufte. Nach dem 1. Weltkrieg und der großen Inflation 1922/23 gab Nikolaus Ragaller die Sattlerei auf, das Zeitalter des Automobils hatte begonnen. Eines seiner 7 Kinder, unser Opa Gustav übernahm mit seiner Frau Lina das Handelsgeschäft. In den langen 7 Jahren Krieg und Gefangenschaft war sie es, die das Geschäft am Laufen hielt, Waren tauschte mit den umliegenden Bauern, Lebensmittelmarken klebte und ihre Familie ernährte.

1948 gab es dann eine weiter schlechte, aber auch eine gute Nachricht. Es gab eine Geldentwertung, die für alle einen mühsamen Neuanfang erzwang. Und unser Vater Klaus erblickte als 3. Kind das Licht der Welt. Der Aufschwung begann, bis die Entstehung großer Lebensmittelketten in den 50er und 60er Jahren das Kaufhaus Ragaller erneut in Bedrängnis brachte und viel Flexibilität und Mut erforderte. Nach einer Lehre in einem Münchner Textilgeschäft und dem Studium an der Textilfachschule Nagold stellten unsere Eltern Klaus und Eva in den 70ern alles radikal um auf Textil. Eine neue Ära begann mit großem Umbau und einer legendären Modenschau in der Pockinger Stadthalle in den 80er Jahren. Der Wandel vom kleinen Kolonial-Laden zum großen Modehaus ist unseren Eltern zusammen mit unserem Bruder Claus und damit der 4. Generation geglückt - begleitet von unserer Oma Lina, die den Weg für die Jungen freimachte und bis ins hohe Alter ihre Stammkunden an der Ladentheke begrüßte. Sie war Gründerin der Frauentruppe „Golden Girls“ in Pocking und auch der Modehandel erlebte ein goldenes Zeitalter. Bis große internationale Modeketten wie H&M und Zara mit ihrem Fast Fashion-Konzept die Einzelhandels-Landschaft auf den Kopf stellten.

Wieder waren neue Ideen und eine Konzentration auf das Wesentliche gefragt: Spezialisierung, Premium-Positionierung, Einkaufs-Erlebnis und Kunden-Bindung waren die Hoffnungsschimmer. Der Designer Dessous-Laden „“ und der junge Jeans-Store „Diff“ entstanden in dieser Zeit. Nächtelang haben wir am Familientisch neue Konzepte entworfen und diskutiert. In einer dieser Nächte wurde die Almliebe geboren. Die Idee: Tracht frisch und jung interpretieren und vor allem auch online verkaufen. Das ist uns Almliebe-Schwestern glaube ich gelungen. Zusammen mit anderen jungen Marken wie Gottseidank, Julia Trentini, Lena Hoschek und Liebling haben wir die Trachtenwelt entstaubt und wieder attraktiv gemacht für ein junges und auch urbanes Publikum.

Der Tradition und unseren Wurzeln sind wir treu geblieben, auch mit unserem großen Laden hier in der Münchner Altstadt. Und mit unserer eigenen Almliebe-Kollektion, die wir überwiegend in Süddeutschland produzieren, schließt sich der Kreis zum Handwerk-Betrieb unseres Ur-Opas Nikolaus. Ihr könnt Euch gerne die alten Fotos anschauen und spürt dann vielleicht den Geist und die Seele der Familie, die das hier alles zusammenhält und sich auch weiterhin vielen Herausforderungen stellen muss: Corona-Pandemie, Kriege, Energie- und Wirtschafts-Krise, KI. Aber wenn ihr in Zukunft nicht von Robotern und Bots in puncto Dirndl und Lederhosen beraten werden wollt, wenn ihr Lust habt auf Familiengeschichten und Tradition, wenn ihr echtes Handwerk wollt statt Massenware aus China – dann werden wir überleben. Auf die nächsten 120 Jahre!

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